Virtual Choir (I). Oder: Jeder ist sein eigener Chorleiter

Virtuelle Chorproben sind für mich als Chorleiter anstrengend. Sie berauben mich meinen wichtigsten Aufgaben: Zuhören und Feedback geben. Gleichzeitig hören geht ja über das Internet nicht, also höre ich niemanden außer mir selbst. Demzufolge kann ich weder konstruktive Kritik üben, noch gezielt Loben. In der Kritik kann ich mich höchstens auf meine Vermutungen stützen und eine Stelle besonders üben, bei der ich eine Herausforderung für die Sänger erwarte. Loben könnte ich natürlich trotzdem, aber nicht gezielt und konkret und somit auch nicht wirksam*.

Aber auch aus diesem misslichen Umstand der aktuellen Lage lässt sich etwas Positives mitnehmen: Wenn ich die Sänger nicht hören kann, muss jeder von ihnen selbst sein eigener Chorleiter sein. Ich sage dann: „Ihr wisst ja, worauf ich in der Chorobe wert lege – seid streng aber gerecht mit euch!“. Gleichzeitig weise ich bei jedem Stück und bestimmten Stellen auf konkrete Aspekte hin, auf die besonders gut gehört werden sollte. Diese Eigenverantwortung zu fördern ist natürlich auch im „Normalbetrieb“ Aufgabe des Chorleiters. Aber bei allem Hinarbeiten auf die Auftritte fehlt oft dazu die Zeit und der Fokus. Also trainieren wir jetzt zumindest einmal das Sich-Selbst-Zuhören. Zwar kann ich im Moment noch nicht überprüfen, inwiefern sich das gelohnt hat, aber sinnvoll ist es allemal.

Übrigens: Dass ich die Sänger nicht hören kann und sie sich untereinander auch nicht, ist der eine Teil des Problems. Das bedeutet aber im gleichen Atemzug, dass ich die ganze Zeit mitsingen und gleichzeitig am Klavier begleiten muss. Das ist eine stimmliche und geistige Herausforderung, die sonst fehlt. Normalerweise singe ich während der Chorproben nur gelegentlich etwas vor und höre dann zu. Ich versuche auch möglichst wenig Klavier zu spielen. Da kann ich mich jetzt aber nicht zurücklehnen. Ganz abgesehen davon, dass die Onlineproben auch nur in kleineren Gruppen sinnvoll sind und ich daher teilweise vier Stunden hintereinander singe und spiele. Das geht schon mal an die Kondition und Konzentration.

Frustrierend ist dabei natürlich, dass eben dieses Erfolgserlebnis fehlt: Ich kann den Fortschritt nicht hören! Ich weiß nicht, was ich eigentlich mit meiner Online-Chorprobe bewirkt habe. Ich kann nur hoffen. Das macht meinen Beruf im Moment emotional oft anstrengend.

Aber: Es lohnt sich dennoch! Große künstlerische Sprünge sind aufgrund der virtuellen Proben eher unwahrscheinlich. Aber die Sänger bleiben dran und halten die Stimmen fit. Und sie haben zumindest ein wenig Kontakt zur Gruppe. Deshalb lohnt sich die Anstrengung für mich als Chorleiter, weil ich dann davon ausgehen kann, dass die Sänger dranbleiben, bis wir endlich wieder „normal“ proben können.

Vor allem aber macht es natürlich froh, wenn sich zeigt, dass auch in dieser Situation wunderbare Ergebnisse möglich sind. So zum Beispiel mit einem Videoprojekt als „virtual choir“: Die Jungs nehmen sich zuhause auf und wir setzen es hinterher zu einem Chor zusammen. Und was da für wunderbare Einzelleistungen eingehen und wie sie sich am Schluss zu einem richtig guten Klang verbinden!

Aber jede:r möge sich selbst überzeugen: https://youtu.be/CAJm6ArgGpI

Viel Freude beim Zuhören und Teilen!

* Zum aktuellen Forschungsstand zum Thema Feedback (konkret vs. allgemein, personenbezogen vs. prozessbezogen etc.) siehe z.B. Stöcker, Anna-Katharina und Schütz, Astrid. Das Konzept von „Beibehalten vs. Verändern“. Effekte unterschiedlicher Formen von Feedback. Report Psychologie 44, S. 14-18

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