Virtual Choir (II). Oder: Wie übernimmt man eigentlich einen Chor während einer Pandemie?

Im letzten Beitrag bin ich darauf eingegangen, welche Vor- und Nachteile die digitale Arbeit mit einem Chor während der Pandemie hat. Das bezog sich allerdings auf die Lübecker Knabenkantorei, die ich jetzt seit über dreieinhalb Jahren leite. Dort kenne ich alle Sänger sehr gut, was diese Ausnahmekommunikation etwas vereinfacht.

Seit Februar 2020 habe ich aber auch noch eine andere Aufgabe übernommen, nämlich die Leitung des Universitätschors Lübeck. Zugegeben – auch dieser Chor ist mir nicht ganz fremd: Bereits 2019 hatte ich für einige Proben und auch einen Auftritt Vertretungen dort übernommen. Im Februar dieses Jahres setzten wir uns mit dem (ebenfalls neu gewählten) Vorstand zusammen und begannen die Vorbereitungen für das Sommersemester, also die Proben- und Auftrittsphase ab April.

Gleichzeitig begann für mich die musikalische Semesterplanung. Um einen guten Einstieg zu schaffen, entschied ich mich für ein A-cappella-Programm. Nur einige Stücke sollten mit Klavierbegleitung erklingen. Mit a-cappella-Musik lässt sich der Chorklang am besten formen und Chor und neuer Chorleiter können sich gut kennenlernen. Ich wollte das Beethoven-Jahr aufgreifen und einige Arrangements für Chor und Klavier zu seiner Musik mit ins Programm aufnehmen. Ergänzt werden sollte das durch romantische Chorlieder von Schubert, Mendelssohn, Schumann und Brahms. Aber auch zwei Komponistinnen sollten mit dabei sein, nämlich Fanny Hensel und Clara Schumann. Der Arbeitstitel war „Frei singen!“ und sollte damit die Entstehung der vielen Laienchöre und Singvereine im 19. Jahrhundert aufgreifen. Auch durch einige der Liedtexte zog sich das Thema „Freiheit“.

Dann kam Corona. Wir planten zunächst weiter, da es bis zum Probenbeginn noch etwas Zeit war. Nach und nach wurde uns aber auch klar, dass es in diesem Semester keine Präsenzarbeit geben würde, schon allein deshalb, weil auch die Studierenden von zuhause aus lernten und viele gar nicht in Lübeck waren. Neben einem großen Konzert steht im Sommersemester normalerweise auch die Absolventenfeier der Universität auf dem Programm des Chors. Diese sollte digital stattfinden und so entschieden wir uns, auch einen Virtual Choir zu produzieren.

Hier lag in der Liedauswahl für mich nun ein Problem: Zwar kannte ich den Chor schon ein wenig, aber längst nicht gut genug, um einschätzen zu können, wie es mit diesem Format klappen könnte. Hätte ich den Anspruch zu niedrig gesetzt, wären einige sicher enttäuscht gewesen. Hätte ich ihn zu hoch gesetzt, wäre das Projekt vielleicht gescheitert. Mit Mendelssohns „Abschied vom Walde“ entschied ich mich eindeutig für ein Lied, das eher zu anspruchsvoll hätte werden können. Und zwar unter anderem deshalb, weil es so bekannt ist. Da gibt es viele sehr gute Vergleichsaufnahmen und die Erwartungen sind groß. Gleichzeitig ist es aber auch nicht zu schwer und die Musik wiederholt sich drei Strophen hintereinander. Also war es auch wichtig, das Stück sehr abwechslungsreich und überzeugend zu gestalten.

Die Sängerinnen und Sänger erhielten Noten und in vier Stimmgruppenproben gingen wir online das Lied und meine Interpretation dazu durch. Auch hier wieder (siehe Virtual Choir I) ohne Kontrollmöglichkeiten meinerseits, alle mussten sich selbst gut zuhören. Anschließend gab es noch eine Gesamtprobe online, bei der letzte Fragen zur Gestaltung und zum technischen Ablauf geklärt werden konnten. Der schwierigste Teil für mich kam aber mit der Erstellung des Dirigiervideos: Um das Lied abwechslungsreich zu gestalten, entschied ich mich für relative viele und nicht zu geringe Temposchwankungen. Um das MIDI-Playback des Chorsatzes als Orientierung zu meinem Dirigat zu erstellen war viel Arbeit am PC nötig*.

Nun erhielten alle Chormitglieder das Video und nahmen sich zuhause dazu auf. Als ich die zusammengesetzten Einsendungen noch ohne digitale Bearbeitung hörte, war ich wirklich enorm positiv überrascht. Ich muss dazu sagen, dass ich zwischendurch daran gezweifelt hatte, ob meine Entscheidung für etwas mehr Herausforderung in der Wahl des Liedes die richtige gewesen war. Aber sie zahlte sich aus**! Entstanden ist nun ein wirklich hörenswerter erster gemeinsamer musikalischer Beitrag. Es fühlt sich seltsam an, als allererstes Projekt nur online zu arbeiten. Aber so hatten wir immerhin überhaupt ein Projekt für dieses Semester. Wie gut es gelungen ist, davon mag sich jede:r selbst überzeugen:

Ich freue mich jedenfalls auf die kommenden (und hoffentlich auch bald wieder „real“ stattfindenden) Projekte mit dem Universitätschor Lübeck, der meine ansonsten eher kirchenmusikalisch orientierte Arbeit mit der Knabenkantorei wunderbar ergänzen wird!

* Warum habe ich mich nicht für eine Live-Einspielung mit Klavier entschieden? Die Synchronisierung der Gesangseinsendungen ist wesentlich leichter, wenn bereits eine MIDI im richtigen Tempo vorliegt. Zwar hätte ich live auf mein Dirigat reagieren können, aber wegen der technischen Latenz wäre es auch hier viel Arbeit gewesen, alles aufs Dirigat anzugleichen. So habe ich mir das nachträgliche Korrigieren der Einspielung gespart und direkt versucht das Tempo der MIDI-Datei Takt für Takt (und manchmal auch Ton für Ton) anzugleichen.

** Das ist meiner Erfahrung nach meistens so. Doch dazu mehr in einem der kommenden Beiträge.

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