Online-Konzert. Oder: Broadening the scope of choral conducting. Oder: Eine Art Jahresrückblick

Hier geht’s zum (vorproduzierten) Online-Konzert der Lübecker Knabenkantorei am 4. Advent, 16 Uhr: YouTube-Link

Das Jahr 2020 war ein Jahr des Lernens. Was habe ich in diesem Jahr als Chorleiter nicht alles dazugelernt? Mikrofon verkabeln, Audio-Interface konfigurieren, Online-Unterricht konzipieren und durchführen, Videokamera bedienen, Gesichter ausleuchten, Greenscreen von Falten befreien, vor einer einsamen Kamera dirigieren,…

Die Liste ließe sich noch länger fortsetzen. Ja, das Jahr 2020 war für alle und insbesondere für die Kulturbranche ein sehr schwieriges Jahr. Und niemand möchte es gerne wiederholen.

Dennoch gibt es nur eine sinnvolle Strategie: Das Beste daraus machen! Und so haben wir uns sehr rechtzeitig (als theoretisch noch mehr möglich gewesen wäre) und – wie wir nun leider sehen mussten – völlig zurecht für eine Online-Version der Traditionellen Weihnachtssingen der Lübecker Knabenkantorei für dieses Jahr entschieden.

Das Konzert setzt sich aus folgenden Elementen zusammen:

  • drei „virtuelle Chöre“, zusammengesetzt nur aus Einzelaufnahmen (2020)
  • noch unveröffentlichte Archivaufnahmen von den Weihnachtssingen (2019)
  • Solomusik (2018 und 2020)
  • Orgelmusik (2020)
  • Moderationen der Sänger (2020)

Als Chorleiter bin ich bei den Beiträgen aus 2020 nur an der Orgel zu sehen, wenn ich Solisten begleite. Das täuscht aber: Bei den Aufnahmen der virtuellen Chöre, der Orgelmusik und der Moderationen sprang ich hin und her zwischen Regie, Ton, Licht, Bild und manchmal auch noch Kostüm (falls einer der Sänger seinen Chor-Hoodie vergessen hatte) sowie ad-hoc-improvisiertem Drehbuch (für die Moderationen). Das war schon eine ganz besondere Erfahrung (die mir auch noch einmal klar gemacht hat, warum an so einem Filmset immer so viele Menschen herum laufen…)! Was bin ich froh, dass ich nicht auch noch die Produktion von Ton und Bild hinterher übernehmen musste – insbesondere die digitale Versetzung des „virtuellen Chores“ (einzeln aufgenommen vor einem Greenscreen) in die Kirche St. Marien zu Lübeck hätte meine Fähigkeiten und Geduldsvermögen bei weitem überschritten…

Dieses Konzert könnte also das Jahr nicht besser beschließen und zusammenfassen: Ein Jahr, in dem wir immer wieder spontan improvisieren, ungewohnte Wege gehen und uns mit unliebsamen Alternativen begnügen mussten. Die Beiträge sind aber dennoch gelungen und die Jungs haben unter den schwierigen Voraussetzungen – Proben nicht oder nur unter sehr erschwerten Bedingungen – wirklich Großartiges geleistet. Jede:r möge sich davon selbst überzeugen: YouTube-Link

Bei allem Positiven möchte ich dennoch nicht schönreden, dass wir für die gesamte Chorszene vor einer großen Herausforderung stehen: Insbesondere die Kinder- und Jugendchöre leben vom „Lernen von den Großen“. Wobei „Großen“ eigentlich „Erfahrenen“ bedeutet. Aber was ist, wenn diejenigen, die im nächsten Jahr eigentlich „die Großen“ sein müssten, in diesem Jahr kaum die dafür nötigen Erfahrungen sammeln konnten? Die Knabenchöre trifft das insofern besonders, da die Zeit der Ausbildung in den jungen Jahren durch den Stimmbruch noch zusätzlich begrenzt wird. Das „Problem Corona“ wird für die Chöre also nicht vorbei sein, sobald wieder „halbwegs normal“ geprobt werden kann. Dann beginnt erst einmal der schrittweise Wiederaufbau der vormals gewohnten Gruppenfähigkeiten, des Repertoires und der ganzen sozialen Lernstruktur. Vielleicht haben wir Glück und es wird viel schneller gehen als erwartet. Aber es wird zumindest kein Fingerschnipsen reichen.

Möge die Freude der Singenden nicht abreißen, möge die Lust am Experiment bleiben, möge aber auch wieder Zeit für ein ganz traditionelles Konzerterlebnis werden! 2021 wird noch im Ausnahmezustand starten. Mal sehen, wie es in einem Jahr aussehen wird. Es bleibt uns nichts anderes als: Trotz allem optimistisch bleiben!

Ich wünsche allen ein frohes Fest und einen guten und möglichst gesunden Start in das neue Jahr 2021!

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