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Chorklang, Teil I: Von Vokalen und Konsonanten

Ein Professor hat mir mal gesagt, die deutschen Chöre seien im Ausland dafür ebenso berühmt wie berüchtigt, dass sie deutliche Konsonanten – insbesondere beim gemeinsamen Abschluss von Phrasen – wichtiger als andere (und Anderes) finden würden. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber nach meiner persönlichen Erfahrung ist zumindest etwas Wahres dran: Viele Chorleiter in Deutschland haben eine große Vorliebe für deutliche Artikulation der Zisch- und Explosivlaute.

Nun ist an deutlicher Aussprache im Allgemeinen und ordentlichen Konsonanten im Besonderen grundsätzlich nichts auszusetzen. Natürlich wäre ein (Gesangs-)Text ohne sie nicht verständlich. Dennoch möchte ich drei einschränkende, bzw. ergänzende Gedanken dazu äußern, die aus zehn Erkenntnissen zu dieser Thematik erwachsen. Diese entspringen meiner eigenen stimmbildnerischen Ausbildung im Dresdner Kreuzchor und an der Dresdner Musikhochschule (Vertiefung Gesang im Chorleitungsstudium, Lehrer: Jörg Hempel) sowie meiner praktischen Erfahrung mit Chören seit mittlerweile 10 Jahren.

1. Stimmbildung: Ohne Vokale kein Konsonantenklang

Ich kann und möchte hier nicht auf die physiologischen und physikalischen Details eingehen. Aber kurz zusammengefasst möchte ich sagen:

#1: Vokale tragen akustisch. Konsonanten nicht.

Will man es sich einfach machen, kann man auf die deutschen Begriffe verweisen: Vokale sind Selbstlaute, Konsonanten sind so genannte „Mitlaute“. Sie können selbst nicht wirklich „klingen“, sondern bleiben Geräusche. Erst durch einen Vokal „an ihrer Seite“ entsteht Klangqualität. Natürlich gibt es auch klingende Ausnahmen unter den Konsonanten: m, n, l, ng und das Zungen-R. Ohne Vokale kommen aber auch sie in unserer Sprache kaum aus. Das führt zu einer weiteren Erkenntnis:

#2: Konsonanten kommen in der klassischen Vokalmusik* nicht ohne Vokale aus.

Vereinfacht zusammengefasst: Beim Singen eines Vokals ist „der Hals“ (stimmbildnerisch „das Ansatzrohr“) der Singenden geöffnet und Luft strömt ungehindert. Bei Konsonanten hingegen entstehen „Barrieren“: Der Luftstrom wird unterbrochen und das führt zu einem Geräusch (oder im Falle der klingenden Konsonanten zur Formung eines konstanten Klangs, der aber dennoch nicht so gut trägt wie der von Vokalen). Da wir ja einen möglichst großen Klang mit unserer Stimme erzeugen (können) wollen, folgt daraus:

#3: Der Vokalstrom ist die Grundlage des Singens, Konsonanten sollten ihn möglichst wenig oder gar nicht unterbrechen.

Stimmbildnerisch kann das Bild helfen, dass die Konsonanten nicht einfach (wie im Text) zwischen den Vokalen, sondern „auf“ dem Vokalstrom sitzen und dieser demnach gar nicht unterbrochen wird. Das ist natürlich physiologisch nicht korrekt, hilft aber dabei, eine gesunde und klangvolle Klangeinstellung der Stimme zu finden:

#4: Stimmbildnerisch sind die Vokale die Grundlage, Konsonanten die „Zugabe“.

Meine Erfahrungen dazu, wie man an dieser Grundlage arbeiten kann, werde ich in einem zweiten Teil-Beitrag darlegen.

2. Chorpraxis: „Mehr Konsonanten!“ hilft nicht (immer)

Bereits unzählige Male in verschiedener Position (mal als Chorleiter, der Feedback aus dem Raum einholt, mal als Chorsänger mittendrin, mal als still beobachtender Gesangssolist) habe ich ungefähr Folgendes gehört: „Man versteht den Chor nicht richtig. Sprecht die Konsonanten deutlicher!“. Und je nachdem, um welchen Chor und welche Chorleitung es sich gehandelt hat, war das mehr oder weniger erfolgreich.

Ein möglicher Grund dafür liegt – nach den vorherigen Erkenntnissen – fast auf der Hand:

#5: Stimmt die Vokalgrundlage nicht, tragen auch die Konsonanten nicht.

Wenn ein Chor also nicht gelernt hat, klare und tragende Vokale zu singen (mehr dazu im zweiten Teil der Reihe), haben es natürlich auch die Konsonanten schwer. Aber es kann auch noch einen weiteren Grund geben:

#6: Läuft die Konsonantenbildung falsch, unterbricht sie den Vokalstrom und damit den gesamten (Chor-)Klang.

Hat der Chor also nicht gelernt, die Konsonanten deutlich, aber eben auch behutsam „auf“ den Vokalstrom zu setzen, schadet er sich mit dem Versuch, die Konsonanten „deutlicher“ zu artikulieren in aller Regel eher.

#7: Oft kommt es beim Versuch deutlicherer Artikulation zu einer unsachgemäßen Erhöhung des Atemdrucks, der zwar die Konsonanten-Geräusche etwas lauter werden lässt, aber gleichzeitig auf Dauer auch der Stimme schadet.

Natürlich gilt das nicht für Chöre und Ensembles mit (semi-)professionellen Sänger:innen. Diese werden problemlos in der Lage sein, die Aufforderung „Mehr Konsonanten, bitte!“ so umzusetzen, dass sie dabei weder ihrer Stimme schaden, noch den Vokalklang kollabieren lassen. Für die Laien-Ensembles gilt allerdings:

#8: Ein Amateurchor sollte nur dann über die Aufforderung „Mehr/deutlichere/schärfere Konsonanten, bitte!“ zur besseren Artikulation gebracht werden, wenn die Grundlagen der Vokal- und Konsonantenbildung so sicher sitzen, dass es auch wirklich funktioniert und nicht mehr Schaden als Nutzen anrichtet.

Leider kann es schnell passieren, dass eine Chorleiterin oder ein Chorleiter unbewusst eine schlechte Singweise verstärkt, wenn sie oder er zu sehr (bzw. zu früh) auf (über)deutliche Artikulation der Konsonanten setzen**. Leider ist das insbesondere aus folgendem Grund ein Problem:

#9: Exzessive Konsonanten klingen vorne bei Chor und Chorleiter:in sehr deutlich. Je weiter man sich im Raum allerdings vom Chor wegbewegt, desto weniger versteht man tatsächlich, da bei unsachgemäßer Umsetzung der Vokalklang kollabiert und Konsonanten-Geräusche (die ohne Vokale keinen sprachlichen Sinn ergeben, s.o.) dominieren.

Aus chorpraktischer Sicht sollte meiner Meinung nach daher ganz klar auf Vokale als die Grundlage allen Singens gesetzt werden (übrigens auch immer zunächst in Verbindung mit dem Legato-Klang – das Staccato kann auch erst nachhaltig gut trainiert werden, wenn das Legato sicher sitzt, dazu sicher in einem anderen Beitrag noch einmal mehr).

3. Ästhetik: Was ist wichtiger?

Nun wird es wirklich subjektiv: Denn es bleibt die Frage, wie man jetzt mit einem Amateur-Chor zu guter Textverständlichkeit kommt, ohne den Stimmen und dem Gesamtklang zu schaden.

In meinem ersten Jahr mit der Lübecker Knabenkantorei*** habe ich ein paar mal sinngemäß zu hören bekommen: „Der Chorklang entwickelt sich wirklich toll, aber an der Textverständlichkeit müssen Sie noch feilen!“. Das hat mich allerdings überhaupt nicht aus der Ruhe gebracht. Der Plan war (nach den oben formulierten Erkenntnissen) klar: Erst Vokalklang sichern, dann Konsonanten ausbauen.

Diese Geduld hat sich gelohnt. Mittlerweile kann ich auf deutliche Konsonanten bestehen und dennoch sicher sein, dass der Chor im Großen und Ganzen weiß, wie diese klangerhaltend erreicht werden können. Kleine Korrekturen bleiben selbstredend immer nötig, aber die Grundlagen sind hier entscheidend und sparen viel Zeit. Vor allem aber habe ich so einen schönen vollen, strahlenden und warmen Chorklang gewonnen, dessen Entwicklung im ersten Jahr durch exzessive Konsonanten nur gestört worden wäre, da bin ich mir sicher (einen Beweis habe ich dafür natürlich nicht, Chorleitung ist leider keine Wissenschaft, sondern nur Erfahrung).

Doch ich würde nicht nur aus praktischer Sicht – zumindest am Beginn der Arbeit mit einem Chor – für die Konzentration auf den Chorklang als solches und eine gewisse Gelassenheit in Bezug auf die Textverständlichkeit plädieren. Denn für mich persönlich gilt:

#10: Im Zweifelsfall ist es (mir) wichtiger, dass der Chorklang so gut ist, dass er die Zuhörenden wirklich berührt und/oder aufrüttelt. Musik kann (und sollte) auch ohne Text bewegen und gute Komponistinnen und Komponisten übertragen den Wesensgehalt des Textes in ergreifende Musik. Diese darzustellen ist für mich essenzieller, als jeden Laut für alle Zuhörenden im Raum optimal verständlich zu machen.

Das ist zugegebenermaßen Geschmackssache. Und natürlich bin auch ich besonders dann glücklich, wenn bei einer Aufführung beides gelingt: Ein mitreißender Chorklang und ein inhaltlich und akustisch verständlicher Transport des Textes gleichermaßen!


Anmerkungen:

* Zeitgenössische Kompositions- und Gesangstechniken nutzen natürlich auch einzelne Konsonanten bewusst als Geräusche in der Vokalmusik.

** Übrigens sollte auch beim Einsingen auf diesen Umstand geachtet werden. Übungen wie „ta-te-ti-to-tu“ o.ä., bei denen auf ein deutliches „t“ gedrungen wird, können den Vokalklang eines Chores nachhaltig schädigen, wenn nicht gleichzeitig (oder noch besser vorher) an der Vokalgrundlage gearbeitet wird. Mehr dazu in Teil II.

*** Bei zwei Proben pro Sänger pro Woche (jeweils eine Register- und eine Gesamtprobe) lässt sich sicher darüber streiten, inwiefern die Lübecker Knabenkantorei als ein Amateur-Chor oder – in ihrem Alterssegment! – bereits als ein semiprofessioneller Chor gelten sollte. Dennoch kommen ja immer wieder neue Sänger dazu, die zu diesem Zeitpunkt definitiv noch unter die Kategorie „Amateure“ (im besten Sinne des Wortes!) fallen und sich erst nach und nach durch das soziale Lernen von den bereits erfahreneren Jungen und Männern und natürlich in den Chorproben (teil-)professionalisieren.

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